Private Vorsorge
Private Altersvorsorge bedeutet eigenständiges Investieren über ein Wertpapierdepot (Depot), typischerweise in börsengehandelte Fonds (ETF). Anders als bei subventionierten Rentenprodukten (Riester, Rürup, bAV) behältst du die volle Kontrolle über dein Geld: kannst jederzeit abheben, Strategie ändern oder vererben.
Dieser Ansatz passt zur Ladder-Phase (ab 2 Jahren in Deutschland): erfordert stabiles Einkommen, Verständnis des Steuersystems und Bereitschaft, Investments eigenständig zu verwalten.
Warum private Vorsorge
Die gesetzliche Rente (GRV) ersetzt 40–48% des letzten Einkommens [1]. Für Einwanderer, die mit 30–40 Jahren Beiträge begonnen haben, wird diese Zahl niedriger sein wegen weniger Ansparzahren.
Vorteile privater Vorsorge:
- Volle Kontrolle: du entscheidest, wo investiert wird und wann abgehoben wird
- Flexibilität: Zugang zum Geld jederzeit (nicht gesperrt bis 62–67)
- Vererbung: Kapital geht an Erben über, verfällt nicht
- Niedrige Gebühren: ETFs verlangen 0,1–0,3% jährlich vs. 1,5–2,5% bei aktiven Fonds [2]
Hauptinstrument: Depot
Depot (Wertpapierdepot) ist ein Konto zum Kauf von Wertpapieren (Aktien, Anleihen, ETF). Wird kostenlos bei Bank oder Online-Broker (Trade Republic, Scalable Capital, ING) eröffnet.
Basisstrategie: automatische monatliche Beiträge (Sparplan) in diversifizierte ETFs.
Vergleich mit geförderten Produkten
| Kriterium | Depot mit ETF | Riester/Rürup/bAV |
|---|---|---|
| Flexibilität | Voll: Strategie jederzeit änderbar | Starre Einschränkungen: fester Vertrag |
| Zugang zum Geld | Jederzeit (mit Steuer auf Gewinn) | Gesperrt bis 62–67 |
| Vererbung | Voll: Kapital geht an Erben | Eingeschränkt oder nicht vorhanden |
| Steuern bei Auszahlung | 26,375% auf Gewinn [3] | Gesamtbetrag als Einkommen versteuert |
| Gebühren | 0,1–0,3% jährlich (ETF) [2] | 1,5–2,5% jährlich (aktive Fonds) [2] |
| Staatliche Förderung | Nein | Ja (Zulagen, Steuerabzüge) |
Wie viel ansparen
Die 4%-Regel
Die 4%-Regel besagt: Du kannst jährlich 4% des Anfangskapitals entnehmen mit hoher Wahrscheinlichkeit (95%), dass das Geld 30 Jahre reicht [4]. Studie basiert auf historischen US-Daten (1926–1995) für Portfolios aus Aktien und Anleihen.
Berechnungsbeispiel:
- Bedarf 2.000 €/Monat = 24.000 €/Jahr
- Zielkapital: 24.000 € ÷ 0,04 = 600.000 €

Berücksichtigung der gesetzlichen Rente
Private Vorsorge ergänzt die gesetzliche Rente (GRV), ersetzt sie nicht.
Beispiel:
- Gewünschtes Ruhestandseinkommen: 2.500 €/Monat
- Erwartete GRV-Rente: 1.200 €/Monat [1]
- Lücke: 1.300 €/Monat = 15.600 €/Jahr
- Zielkapital: 15.600 € ÷ 0,04 = 390.000 €
Zukünftige Rente schätzen via jährlichem Renteninformations-Brief oder Rechner auf Deutsche Rentenversicherung Website [5].
Wie viel monatlich sparen
Monatlicher Beitrag hängt vom Startalter, Zielbetrag und erwarteter Rendite ab. Berechnungen unten setzen Reinvestition aller Gewinne und durchschnittliche Rendite von 7% jährlich voraus (historischer durchschnittlicher Realertrag des globalen Aktienmarkts) [6].
| Startalter | Jahre bis 67 | Ziel 400.000 € | Monatlicher Beitrag |
|---|---|---|---|
| 25 Jahre | 42 Jahre | 400.000 € | 305 € |
| 35 Jahre | 32 Jahre | 400.000 € | 540 € |
| 45 Jahre | 22 Jahre | 400.000 € | 960 € |
Je später du startest, desto höher die erforderlichen Beiträge: Start mit 45 erfordert 3-mal so viel Sparen wie Start mit 25.
Für Einwanderer, die mit 30–40 in Deutschland ankommen, bedeutet dies Notwendigkeit höherer Sparquote im Vergleich zu Einheimischen.
Strategie
Ansparphase (vor Rente)
- Regelmäßige Beiträge (Sparplan)
- Hoher Aktienanteil (80–100%)
- Dividenden reinvestieren
Entnahmephase (im Ruhestand)
- Schrittweise Verkäufe
- Risiko reduzieren
- 4%-Regel oder flexible Entnahmen
Steueroptimierung
Gewinne aus Investments (Dividenden, Zinsen, Kursgewinne) werden mit 26,375% versteuert (25% Abgeltungsteuer + 5,5% Solidaritätszuschlag + Kirchensteuer falls zutreffend) [3].
Freistellungsauftrag (Steuerbefreiung)
Freistellungsauftrag ist eine Anweisung an den Broker, keine Steuer auf die ersten 1.000 € Anlagegewinn pro Jahr einzubehalten (2.000 € für Ehepaare) [8]. Wird online im persönlichen Konto des Brokers eingereicht.
Bei mehreren Depots verteile das Limit proportional zu erwarteten Gewinnen.
Steuerstundung
Thesaurierende ETFs reinvestieren Dividenden automatisch. Steuer auf Dividenden wird berechnet, aber tatsächliche Zahlung bis zum Verkauf aufgeschoben. Dadurch kann Kapital schneller durch Zinseszins wachsen.
Ausschüttende ETFs zahlen Dividenden aufs Konto, und Steuer wird sofort einbehalten.
Verkaufsreihenfolge (FIFO)
In Deutschland gilt das FIFO-Prinzip (first in, first out): beim Verkauf gelten zuerst gekaufte Wertpapiere als zuerst verkauft [7]. Wichtig für Berechnung der Steuerbasis.
Kombinierter Ansatz
Private Vorsorge kann mit geförderten Produkten kombiniert werden. Auswahlkriterien:
| Produkt | Wann nutzen | Priorität |
|---|---|---|
| bAV (betriebliche Altersvorsorge) | Arbeitgeber zahlt 20%+ zu deinem Beitrag | Erste: nutze bis zur Matching-Grenze |
| Privates Depot mit ETF | Dir sind Flexibilität, Kontrolle, niedrige Gebühren wichtig | Zweite: Fundament langfristiger Ersparnisse |
| Riester | Du hast 2+ Kinder und Einkommen unter 50.000 €/Jahr | Dritte: nur wenn Zulagen Gebühren überwiegen |
| Rürup | Du bist selbstständig mit hohem Einkommen (über 80.000 €/Jahr) | Vierte: Steuerabzug wichtiger als Flexibilität |
Grundlogik: Zuerst "kostenloses Geld" nutzen (Arbeitgeber-Matching in bAV), dann in private Vorsorge investieren, wo du Risiken und Kosten kontrollierst.
Psychologische Dimension
Für Einwanderer aus Ländern mit instabilen Finanzsystemen löst die Idee "Geld dem Markt für 30 Jahre anvertrauen" natürliche Skepsis aus. Du hast gesehen, wie "garantierte" Rentenfonds zusammenbrachen, Einlagen entwertet wurden, Konten eingefroren wurden.
Deutsches System ist strukturell anders:
- BaFin-Regulierung: Broker sind lizenziert, Kundenvermögen getrennt von Firmenvermögen (Sondervermögen) [9]
- Einlagensicherung: Bargeld auf Konto bis 100.000 € versichert [10]
- Transparenz: ETF-Preise sind öffentlich, Fondszusammensetzung bekannt
Aber Vertrauen baut sich nicht an einem Tag auf. Fang klein an: eröffne Depot, leg 50 €/Monat in breiten ETF, beobachte Dynamik für 6–12 Monate. Das ist keine Finanzstrategie — es ist Vertrauenskalibrierungsprozess.
Mathematik funktioniert nur, wenn du psychologisch in der Lage bist, Position während Krise zu halten. Wenn du bei 30% Marktrückgang alles in Panik verkaufst, helfen ETFs nicht. Daher wichtig, "Schmerzgrenze" im Voraus zu bestimmen und nicht mehr zu investieren, als du ruhig 10+ Jahre halten kannst.
FAQ
Keine Rechts- oder Finanzberatung.
Ich bin 40 und gerade erst in Deutschland angekommen — ist es zu spät für die 4%-Regel?
Die 4%-Regel geht von einem 30-jährigen Entnahmezeitraum aus. Mit Start im Alter von 40 Jahren bleiben 27 Jahre bis zum Rentenalter 67 — die Ansparphase ist kürzer, und die monatlichen Beiträge müssen höher sein. Für ein Zielkapital von 400.000 € bei durchschnittlich 7% Rendite: Start mit 25 erfordert ca. 305 €/Monat, mit 35 ca. 540 €/Monat, mit 40 ca. 960 €/Monat. Die Differenz ist erheblich, aber nicht unüberwindbar. Entscheidende Faktoren: (1) die GRV-Rente (gesetzliche Rentenversicherung) ergänzt ebenfalls das Einkommen — Einwanderer mit 25+ Jahren Beitragszeit bauen dennoch bedeutende Rentenansprüche auf; (2) vorhandene Vermögenswerte aus dem Herkunftsland (sofern transferierbar) beschleunigen den Prozess; (3) der Zielbetrag kann niedriger sein, wenn der Ruhestand in einem Land mit niedrigeren Lebenshaltungskosten geplant ist. Die Mathematik funktioniert in jedem Startalter — was sich ändert, ist der erforderliche Beitrag, nicht das Prinzip.
Ist es besser, eine große Summe auf einmal oder per Sparplan (DCA) zu investieren?
Historisch übertrifft die Einmalanlage (lump sum) den Sparplan (DCA — Dollar-Cost-Averaging) in etwa 67% der Fälle, weil Märkte langfristig steigen und früher investiertes Geld länger arbeitet (Vanguard-Studie 2012, Märkte USA/UK/Australien). Allerdings: (1) DCA per Sparplan reduziert das psychologische Risiko, am Markthoch einzusteigen — relevant für Einwanderer, die ihre erste Investition nach Jahren des Bargeldhaltens tätigen; (2) ein verbreiteter Hybridansatz: 50% sofort investieren, die verbleibenden 50% über 6–12 Monate per Sparplan verteilen; (3) der Unterschied zwischen Einmalanlage und 12-monatigem DCA beträgt typischerweise 1–3% des Gesamtbetrags — bedeutsam bei Summen über 100.000 €, vernachlässigbar bei 10.000 €. Die psychologisch richtige Entscheidung ist diejenige, die Sie durchhalten können, ohne bei einem Marktrückgang in Panik zu verkaufen.
Mein Ehepartner und ich haben unterschiedliche Risikotoleranzen — wie gehen wir damit um?
Typisch für Einwandererhaushalte, in denen ein Partner direkte Erfahrung mit Finanzkrisen hatte und der andere nicht. Strukturelle Ansätze: (1) separate Depots mit unterschiedlicher Allokation — ein Partner 80% Aktien / 20% Anleihen, der andere 40/60 oder 100% Tagesgeld; (2) gemeinsames Portfolio mit kompromisshafter Allokation (z.B. 60/40) — einfach, aber keines Partners Präferenz; (3) definiertes „Risikobudget" — maximalen Portfolio-Drawdown vereinbaren (z.B. 20%) und Allokation entsprechend anpassen. Das deutsche Steuersystem unterstützt beide Ansätze: jeder Ehepartner hat einen eigenen Sparerpauschbetrag von 1.000 €. Separate Depots bieten auch rechtliche Klarheit. Das Gespräch zwischen den Partnern ist schwieriger als die Mathematik — die psychologische Dimension finanzieller Entscheidungen in Einwandererpaaren verdient gesonderte Aufmerksamkeit.
Was passiert mit meinem Depot, wenn ich Deutschland verlasse (Wegzugsbesteuerung)?
Die Wegzugsbesteuerung (§ 6 AStG) betrifft unrealisierte Gewinne bei Anteilen an Kapitalgesellschaften, an denen Sie 1% oder mehr halten — das betrifft Unternehmensgründer, nicht typische ETF-Anleger. Für ein reguläres Depot mit ETF-/Aktienpositionen: Es gibt keine Wegzugssteuer auf unrealisierte Gewinne bei Verlassen Deutschlands. Allerdings: (1) bei Aufgabe des steuerlichen Wohnsitzes den Broker benachrichtigen — er kann das Depot schließen oder einschränken (viele deutsche Neobroker erfordern deutschen Wohnsitz); (2) vor der Abreise realisierte Gewinne werden in Deutschland versteuert; (3) die Steuerregeln des neuen Landes gelten ab dem Umzug — einige Länder besteuern unrealisierte Gewinne bei Einwanderung (z.B. bestimmte Szenarien in den Niederlanden). Übertrag zu einem internationalen Broker (z.B. Interactive Brokers) vor der Abreise vermeidet Depot-Schließungsprobleme. Prüfen Sie das DBA (Doppelbesteuerungsabkommen) zwischen Deutschland und Ihrem Zielland für die Regeln zur Kapitalertragsbesteuerung.
Ich habe Ersparnisse in der Währung meines Heimatlandes — umrechnen und investieren oder getrennt halten?
Zu bewertende Faktoren: (1) Währungsrisiko — konzentrierte Währungsexposition (z.B. 100% in RUB, TRY oder UAH) birgt Abwertungsrisiko, das sich in postsowjetischen Ländern wiederholt materialisiert hat; (2) Konvertierbarkeit — einige Währungen unterliegen Kapitalverkehrskontrollen, die die Umrechnung erschweren oder verteuern; (3) Opportunitätskosten — wenn Ersparnisse 5% in lokaler Währung erbringen, die Währung aber 15% gegenüber EUR abwertet, beträgt die reale Rendite -10%; (4) steuerliche Auswirkungen — die Umrechnung ausländischer Ersparnisse in EUR und Investition in Deutschland erzeugt Einkünfte aus Kapitalvermögen, die der deutschen Besteuerung unterliegen. Ein verbreiteter Diversifikationsansatz: eine Reserve in Landeswährung für mögliche Verpflichtungen im Herkunftsland (Familienunterstützung, Immobilien) beibehalten, den Rest in auf EUR lautende Investments umschichten. Die gesamte Währungsallokation ist eine persönliche Risikoentscheidung, keine mathematische Optimierung.
Quellen
- Deutsche Rentenversicherung — Rentenniveau und Rentenanpassung — https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Rente/Allgemeine-Informationen/Rentenniveau/rentenniveau.html — Stand Januar 2025
- Morningstar — European ETF Fee Study 2024 — https://www.morningstar.com/lp/european-etf-fee-study — 2024
- Bundesministerium der Finanzen — Abgeltungsteuer — https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Steuern/Steuerarten/Abgeltungsteuer/abgeltungsteuer.html — Januar 2025
- William Bengen — Determining Withdrawal Rates Using Historical Data, Journal of Financial Planning — 1994 (ursprüngliche 4%-Regel-Studie)
- Deutsche Rentenversicherung — Rentenschätzer — https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Online-Dienste/Rentenschaetzer/rentenschaetzer.html — Januar 2025
- Credit Suisse Global Investment Returns Yearbook 2023 — https://www.credit-suisse.com/about-us/en/reports-research/global-investment-returns-yearbook.html — historischer durchschnittlicher Realertrag des Weltaktienmarkts 5,3% (nominal ~7% mit Inflation)
- Bundesministerium der Finanzen — Besteuerung von Kapitalerträgen — https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Steuern/Steuerarten/Kapitalertragsteuer/kapitalertragsteuer.html — Januar 2025
- Bundesbank — Freistellungsauftrag — https://www.bundesbank.de/de/service/schule-und-bildung/glossar/freistellungsauftrag-795832 — Januar 2025
- BaFin — Einlagensicherung und Anlegerentschädigung — https://www.bafin.de/DE/Verbraucher/Bank/Einlagensicherung/einlagensicherung_node.html — Januar 2025
- Entschädigungseinrichtung deutscher Banken (EdB) — https://www.edb-banken.de/ — Einlagensicherungsgrenze 100.000 €