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ETFs — Exchange Traded Funds

ETF (Exchange Traded Fund) ist ein börsengehandelter Fonds, der es ermöglicht, mit einem einzigen Kauf in Hunderte oder Tausende von Unternehmen zu investieren. Es ist ein Werkzeug für langfristigen Vermögensaufbau (Horizont ab 10 Jahren), zugänglich in Deutschland über jeden Broker mit einem Depot (Brokerkonto).

Wann das relevant ist

ETFs sind ein Werkzeug für langfristigen Vermögensaufbau. Bevor du ans Investieren denkst:

  • ✅ Notgroschen vorhanden (4–6 Monatsausgaben)
  • ✅ Keine teuren Schulden (>5% Zinsen)
  • ✅ Grundlegende Einnahmen und Ausgaben sind klar
  • ✅ Das Geld wird mindestens 5–10 Jahre nicht benötigt
Reihenfolge ist wichtig

Investieren vor dem Aufbau der Basis ist ein häufiger Fehler. Ein 30% Markteinbruch + Jobverlust = gezwungener Verkauf mit Verlust. Ein Notgroschen schützt vor diesem Szenario.

Was es ist und warum

Ein ETF bildet einen Index ab — zum Beispiel den MSCI World (ca. 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern) [1] oder FTSE All-World (ca. 4.000 Unternehmen inkl. Schwellenländer) [2].

VorteilWas es dir bringt
DiversifikationRisiko verteilt auf Hunderte von Unternehmen
Niedrige Kosten0,1–0,3% pro Jahr vs. 1–2% bei aktiven Fonds [3]
LiquiditätKann an jedem Handelstag verkauft werden
EinfachheitKeine Analyse einzelner Unternehmen nötig

Psychologischer Kontext

Wenn du aus Russland oder der Ukraine kommst, hast du möglicherweise Erfahrungen mit:

  • "Garantierten" Einlagen, die entwertet wurden
  • Pyramidensystemen als vermeintliche Investments
  • Brokern, die mit dem Geld verschwunden sind

Das erzeugt rationalen Skeptizismus. Wie sich ETFs unterscheiden:

BedenkenRealität im deutschen Kontext
"Der Broker nimmt mein Geld"ETF ist dein Eigentum, getrennt von den Vermögenswerten des Brokers verwahrt (Sondervermögen) [4]
"Alles wird wertlos"Globale Indizes haben sich nach allen Krisen erholt, aber das braucht Zeit (z.B. Erholung nach 2008 dauerte 5 Jahre) [5]
"Das ist Glücksspiel"Langfristiges Indexinvestieren unterscheidet sich von Spekulation
Vertrauen baut sich schrittweise auf

Du musst nicht sofort "glauben". Du kannst mit einem kleinen Betrag anfangen, beobachten, die Mechanik verstehen. Skepsis ist eine normale Schutzreaktion.

ETF-Typen

Nach Anlageklasse

  • Aktien (Equity) — Anteile an Unternehmen, höheres Risiko und Rendite
  • Anleihen (Bonds) — Schuldpapiere, geringeres Risiko und Rendite
  • Gemischt — Kombination, automatische Rebalancierung

Nach Ertragsverwendung

TypWas mit Dividenden passiertFür wen
Thesaurierend (Acc)Automatisch reinvestiertLangfristiger Vermögensaufbau
Ausschüttend (Dist)Auf Konto ausgezahltPassives Einkommen gewünscht

ETF-Auswahlkriterien

Bei der ETF-Auswahl achte auf:

KriteriumZielwertWarum wichtig
TER (Total Expense Ratio)Bis 0,3% für globale Indizes [6]Gebühren schmälern die Rendite
Fondsgröße (AUM)Ab 100 Mio. € [7]Liquidität, Fondsstabilität
ReplikationPhysisch bevorzugtFonds besitzt echte Aktien, geringeres Kontrahentenrisiko
FondsalterAb 3 JahreHat Performance-Historie
Tracking DifferenceNah am IndexZeigt Managementqualität

Sparplan — Automatische Käufe

Sparplan — automatischer ETF-Kauf jeden Monat:

  • Fester Betrag an einem bestimmten Tag
  • Bei vielen Brokern kostenlos
  • Durchschnittlicher Kaufpreis (Cost Averaging)
  • Kein "Timing" mehr nötig

Prinzip der Einfachheit

Verbreiteter Ansatz: ein globaler ETF, der den Weltmarkt abbildet. Das bietet:

  • Maximale Diversifikation
  • Minimale Entscheidungen
  • Niedrige Kosten

Komplexere Strategien (regionale ETFs, Faktoren, Sektoren) erfordern mehr Wissen und Zeit. Zusätzliche Komplexität garantiert keine zusätzliche Rendite.

Was tun

  1. Stelle sicher, dass die Basis steht — Notgroschen, keine Schulden
  2. Eröffne ein Depot bei einem Broker
  3. Lerne die ETF-Auswahlkriterien — verstehe, was dir wichtig ist
  4. Richte einen Sparplan ein — automatisiere den Prozess
  5. Bestimme deinen Zeithorizont — das ist Geld für 10+ Jahre
  6. Nicht verkaufen bei Einbrüchen — das ist psychologisch am schwierigsten

FAQ

Was ist die Vorabpauschale und warum wurde im Januar Geld abgebucht, obwohl ich nichts verkauft habe?

Die Vorabpauschale ist keine Zusatzsteuer, sondern eine Vorauszahlung auf künftige Kapitalertragssteuer — sie wird beim Verkauf angerechnet. Deutschland führte sie 2018 ein, damit thesaurierende Fonds keine unbegrenzte Steuerstundung ermöglichen. Der Broker berechnet den Betrag automatisch im Januar: ETF-Wert am 1. Januar × Basiszins × 0,7 (bei Aktien-ETFs minus 30 % Teilfreistellung). Bei einem Basiszins von 3,20 % (2026) sind das ~41 € Steuer pro 10.000 € ETF-Bestand. Wenn das Verrechnungskonto nicht gedeckt ist, ziehen manche Broker das Konto ins Minus (mit Zinsen), andere melden die Differenz dem Finanzamt. Eine verbreitete Praxis ist es, 50–100 € pro 10.000 € ETF-Bestand vor dem Januar auf dem Verrechnungskonto zu reservieren.

Ich verlasse Deutschland. Wird eine Wegzugssteuer auf nicht realisierte ETF-Gewinne fällig?

Seit dem 1. Januar 2025 sieht das Jahressteuergesetz 2024 eine Wegzugsbesteuerung auf Investmentfondsanteile vor. Wenn du mindestens 7 der letzten 12 Jahre in Deutschland gelebt hast UND die Anschaffungskosten (nicht der Marktwert!) eines einzelnen Fonds 500.000 € übersteigen, behandelt Deutschland die Anteile als fiktiv verkauft am Tag der Abmeldung. Steuer: ~26,375 % auf nicht realisierte Gewinne abzüglich Teilfreistellung (30 % bei Aktien) und bereits gezahlter Vorabpauschale. Bei Rückkehr innerhalb von 7 Jahren kann die Steuer rückgängig gemacht werden. Ein Weg zur Risikominimierung: Verteilung der Investitionen auf mehrere Fonds, damit kein einzelner Fonds die Schwelle von 500.000 € Anschaffungskosten überschreitet.

Freistellungsauftrag vergessen — der Broker hat ab dem ersten Euro Steuern einbehalten. Kann ich das zurückholen?

Ja, über die Steuererklärung (Anlage KAP). Ein Freistellungsauftrag weist den Broker an, auf die ersten 1.000 € Kapitalerträge pro Jahr (2.000 € für Paare) keine Steuern einzubehalten. Ohne ihn behält der Broker 26,375 % von jedem Euro Gewinn oder Dividende ein. Eine Einrichtung im laufenden Jahr wirkt rückwirkend — der Broker erstattet bereits einbehaltene Steuer im Rahmen des Freibetrags. Für Vorjahre: nur über die Steuererklärung. Bei mehreren Depots den Freibetrag aufteilen (insgesamt max. 1.000 €). Die Einrichtung dauert 2 Minuten in den Broker-Einstellungen — Kosten des Vergessens: bis ~264 €/Jahr.

Der Markt ist um 20 % gefallen. Sparplan stoppen oder verkaufen?

Die Mechanik eines Sparplans bei einem Rückgang: Der feste Monatsbetrag kauft mehr Anteile zu niedrigeren Preisen (Cost-Averaging-Effekt). Historisch folgte auf jeden großen Einbruch (2000, 2008, 2020) eine Erholung. Wer beim COVID-Crash (-34 % im März 2020) panisch verkaufte, verpasste die vollständige Erholung bis August 2020. Studien zeigen: Privatanleger erzielen 3–4 % weniger Rendite pro Jahr als Indizes — fast ausschließlich durch emotionales Verkaufen bei Einbrüchen. ETF-Vermögen ist als Sondervermögen rechtlich geschützt [4] — bei Broker-Insolvenz bleiben die Anteile erhalten. Wenn ein 20-%-Rückgang starke Angst auslöst, ist die Aktienquote möglicherweise zu hoch. Die Anpassung der Aktienquote wird typischerweise in ruhigen Marktphasen vorgenommen.

Reicht ein einziger ETF für ein vollständiges Portfolio?

Ein einziger globaler ETF (FTSE All-World oder MSCI ACWI) enthält 3.000–4.000+ Aktien aus 40+ Ländern und deckt ~90 % der globalen Marktkapitalisierung ab. Das reicht für die meisten Anleger — bestätigt von Stiftung Warentest, Finanztip und der Bogleheads-Community. Häufiger Fehler: MSCI World + S&P 500 kaufen, was massive US-Überlappung erzeugt (~72 % des MSCI World sind bereits US-Aktien). Weiterer Fehler: Indizes verschiedener Anbieter mischen (FTSE + MSCI) — sie klassifizieren Länder unterschiedlich (z. B. Südkorea). Wer den Schwellenländer-Anteil steuern möchte: zwei ETFs desselben Anbieters nutzen (MSCI World + MSCI EM oder FTSE Developed + FTSE EM).

Quellen

  1. MSCI World Index Factsheet — MSCI Inc. https://www.msci.com/documents/10199/149ed7bc-316e-4b4c-8ea4-43fcb5bd6523

  2. FTSE All-World Index Factsheet — FTSE Russell https://research.ftserussell.com/Analytics/Factsheets/Home/DownloadSingleIssue?openfile=open&issueName=AWORLDS

  3. European Fund and Asset Management Association (EFAMA) — Gebühren passives Fondsmanagement https://www.efama.org/statistics

  4. § 92 KAGB (Kapitalanlagegesetzbuch) — Sondervermögen https://www.gesetze-im-internet.de/kagb/__92.html

  5. S&P Dow Jones Indices — S&P 500 historische Performance https://www.spglobal.com/spdji/en/indices/equity/sp-500/

  6. BaFin — ETF-Kosteninformationen https://www.bafin.de/DE/Verbraucher/GeldanlageWertpapiere/WertpapiereFonds/wertpapiereundfonds_node.html

  7. Deutsche Börse AG — ETF-Handelsinformationen und Kriterien https://www.deutsche-boerse.com/dbg-de/edb/etfs